ADHS bei Erwachsenen: mein Weg
- Viviane Zogg

- vor 6 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
ADHS bei Erwachsenen erkennen: als BurnOut nicht mehr alles erklärte
Lange Zeit habe ich vieles, was mich im Alltag belastete, meinem BurnOut zugeschrieben. Das Gedankenkreisen in der Nacht. Die schnelle Ablenkbarkeit tagsüber. Die Schwierigkeiten, bei einer Sache zu bleiben. Auch meine Impulsivität, die Kreativität und die vielen Ideen, von denen manche grossartig begannen und dann irgendwo in der Umsetzung versandeten.
Für mich passte das lange zusammen: Nach Jahren im Energiemangel bleiben eben Spuren.
Mit der Zeit wurde ich jedoch ruhiger. Nicht immer voller Energie, aber ich konnte mich erholen. Müde war ich manchmal noch, doch die tiefe Erschöpfung des BurnOuts war verschwunden.
Was blieb, war das Chaos im Kopf.
Erste Hinweise auf ADHS im Erwachsenenalter
Also begann ich, Menschen genauer zu beobachten, deren Art mich in manchen Momenten an mich selbst erinnerte. Nicht, weil ich wusste, wie sie sich fühlten, sondern weil mir bestimmte Verhaltensweisen vertraut vorkamen.
Besonders fasziniert hat mich eine YouTuberin, die ihr Fachgebiet (Rechtswissenschaften) unglaublich klug und gleichzeitig herrlich chaotisch präsentierte. Sie schweifte immer wieder von ihrem eigentlichen Thema ab, verlor kurz den Faden und fand ihn trotzdem wieder zurück.
Diese Mischung aus Tempo, Kreativität und scheinbarem Durcheinander kam mir bekannt vor. Ich dachte oft: Das würde ich auch gerne können: abschweifen und trotzdem wieder elegant zum eigentlichen Punkt zurückfinden.
Eines Tages sagte sie mitten im Video lachend: «Ha! Da bin ich wieder in meine ADHS-Falle getappt.»
Dieser Satz blieb hängen.
ADHS? Irgendwo hatte ich dieses Thema doch schon einmal gestreift …
ADHS bei Erwachsenen: die Recherche beginnt
Dieses Thema liess mich nicht mehr los. Ich begann zu recherchieren, machte Online-Selbsttests, kaufte Bücher und las zumindest die ersten Kapitel, denn auch das mit dem Fertiglesen ist so eine Sache bei mir.
Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto öfter dachte ich: Das könnte tatsächlich einiges erklären.
Schliesslich sprach ich mit meinem Hausarzt darüber. Für mich war das kein medizinischer Endpunkt, sondern eher eine Bestätigung meiner Vermutung.
Plötzlich ergaben viele Erfahrungen aus meinem Leben einen neuen Zusammenhang.
Warum ich als Kind oft als anstrengend, impulsiv oder verträumt beschrieben wurde. Warum mich sowohl Erwachsene als auch Mitschüler manchmal als chaotisch oder zu lebhaft empfanden. Und warum meine Versuche, mich stärker anzupassen, immer wieder an ihre Grenzen stiessen.
Gleichzeitig war da schon früh diese innere Stimme, die fragte: Warum soll ich mich eigentlich verbiegen, wenn ich doch einfach so bin, wie ich bin?
Damals nannte ich sie meine kleine Revolution. Heute weiss ich: das war einfach nur ich selbst.
Warum ich keine psychiatrische ADHS-Diagnose brauche
Eine formelle Diagnose durch einen Psychiater habe ich bis heute nicht.
Manchmal überlege ich, diesen Schritt noch zu gehen. Doch bisher hatte ich dafür keinen wirklichen Grund. Medikamente kommen für mich nicht infrage, und für mein tägliches Leben brauche ich kein offizielles Etikett.
Heute lerne ich, mit meinen ADHS-Mustern zu leben. Oder besser: mich selbst zu leben. Ich beobachte mich, reflektiere mich und tue das mit dem Wissen: Ich bin okay.
Dann passe ich meinen Alltag an diese Erkenntnisse an. Nicht umgekehrt.

Für mich fühlt sich das ein wenig an wie bei dem bekannten Kinderspiel mit den Holzklötzchen: runde, dreieckige und viereckige Formen, die jeweils durch die passende Öffnung in eine Kiste gesteckt werden müssen.
Lange hatte ich das Gefühl, ich müsste unbedingt in eine Form passen, die eigentlich gar nicht zu mir gehört.
Heute sehe ich das anders. Vielleicht geht es gar nicht darum, das Runde ins Eckige zu pressen, sondern den passenden Platz für die eigene Form zu finden.
Mit den ADHS-Mustern leben: beobachten, verstehen, anpassen
Im Moment geht es für mich vor allem darum zu lernen, wie mein Kopf funktioniert.
Ich beobachte mich genauer, nehme meine Stärken bewusster wahr und suche Wege, mit den chaotischeren Seiten konstruktiv umzugehen. Das bedeutet nicht, dass alles plötzlich perfekt funktioniert. Aber es bedeutet, dass ich freundlicher mit mir selbst geworden bin.
Und vielleicht ist genau das der wichtigste Schritt auf diesem Weg. Fortsetzung folgt.



